Seit dem 15. April 2023 erzeugt in Deutschland kein Kernkraftwerk mehr Strom. Der Ausstieg ist damit vollzogen, die Arbeit aber nicht: Rueckbau, Zwischenlagerung und die Suche nach einem Endlager beschaeftigen das Land noch Jahrzehnte und kosten zweistellige Milliardenbetraege. Gleichzeitig wird in Europa weiter in Kernkraft investiert, und neue Reaktorkonzepte stehen zur Debatte. Wir fassen den Status 2026 zusammen und ordnen Kosten, Emissionen und die Wiedereinstiegsdebatte ein.
Das Ende der Stromerzeugung aus Kernkraft
Der deutsche Ausstieg war gesetzlich in mehreren Stufen geregelt: Nach dem Reaktorunglueck in Fukushima 2011 wurden die acht aeltesten Anlagen dauerhaft abgeschaltet, die uebrigen erhielten feste Reststrommengen, die sie bis zum Ende des Jahres 2022 erzeugen durften. Da eine Verlaengerung politisch umstritten blieb, gingen die letzten drei Meiler zum 15. April 2023 vom Netz.
- Nicht wieder angefahrene Anlagen nach 2011: Biblis A und B, Brunsbuettel, Isar 1, Kruemmel, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1, Unterweser.
- Stilllegungen nach Reststrommenge: Grafenrheinfeld 2015, Gundremmingen B 2017, Philippsburg 2 2019, Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C Ende 2021.
- Letzte drei Meiler: Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland, abgeschaltet am 15. April 2023.
- Forschungs- und Prototypreaktoren sowie stillgelegte Anlagen wie Kahl, Lingen, Obrigheim oder Wuergassen befinden sich in unterschiedlichen Rueckauphasen.
Nach dem Ausstieg entfielen zuletzt rund 30 bis 40 TWh Stromerzeugung pro Jahr, die durch erneuerbare Energien, Importe und Gaskraftwerke ersetzt wurden. Der Ausstieg gilt damit als vollzogen; die stromwirtschaftliche Frage ist heute vor allem, wie die verbleibende Luecke im Winter geschlossen wird.
Die letzten deutschen Kraftwerke und ihre Abschaltdaten
| Kraftwerk | Bundesland | Nettoleistung (circa) | Abschaltung |
|---|---|---|---|
| Brokdorf | Schleswig-Holstein | 1.410 MW | 31.12.2021 |
| Grohnde | Niedersachsen | 1.430 MW | 31.12.2021 |
| Gundremmingen C | Bayern | 1.344 MW | 31.12.2021 |
| Emsland (Lingen) | Niedersachsen | 1.335 MW | 15.04.2023 |
| Isar 2 (Niederaichbach) | Bayern | 1.485 MW | 15.04.2023 |
| Neckarwestheim 2 | Baden-Wuerttemberg | 1.400 MW | 15.04.2023 |
Zusammen standen diese sechs Anlagen fuer eine Nettoleistung von gut 8.300 MW. Ihr Beitrag zur Stromerzeugung lag im letzten vollen Betriebsjahr zusammen bei rund 33 TWh, was etwa sechs bis sieben Prozent des damaligen Strommix entsprach.
Rueckbau: Phasen und Laufzeiten
Nach der Abschaltung folgt der Nachbetrieb: Brennelemente werden aus dem Reaktor entfernt, das primaere Kuehlsystem entleert, Anlagen dekontaminiert. Erst danach beginnt der eigentliche Rueckbau, der bei einem grossen Leistungsreaktor in der Regel 15 bis 20 Jahre dauert. Einschliesslich Nachbetrieb rechnen Betreiber und Genehmigungsbehoerden mit 20 bis 30 Jahren bis zur Entlassung aus dem Atomrecht und zur sogenannten gruenen Wiese.
- Nachbetrieb: Brennelemente entladen, Reststoffe und Betriebsmittel entfernen, Dauer etwa 5 bis 10 Jahre.
- Vorbereitung: Dekontamination, Gebaeudefreigabe, Rueckbaugenehmigung in mehreren Teilschritten.
- Einschneiden von Komponenten: Reaktorbehaelter, Dampferzeuger und Rohrleitungen werden zerlegt, teils unter Fernbedienung.
- Gebaeudeabbruch: nach der Freimessung konventioneller Abbruch bis zur Kellerdecke oder vollstaendig.
- Freigabe: Messung auf Restaktivitaet, danach Entlassung aus der atomrechtlichen Ueberwachung.
Rund 97 Prozent der anfallenden Materialmenge ist nicht radioaktiv oder kann nach der Freimessung als konventioneller Bauschrott recycelt werden. Der kleine Rest muss konditioniert und als schwach- oder mittelradioaktiver Abfall zwischengelagert werden.
Zwischenlager, Castor und die Endlagersuche
Abgebrannte Brennelemente kommen zunaechst in ein Zwischenlager, meist in Castor-Behaeltern auf dem Kraftwerksgelaende. Die Genehmigungen laufen in der Regel bis in die 2040er- oder 2050er-Jahre. Fuer schwach- und mittelradioaktive Abfaelle ist das Endlager Schacht Konrad in Salzgitter vorgesehen; die Inbetriebnahme hat sich mehrfach verschoben. Fuer hochradioaktive Abfaelle laeuft ein standortunabhaengiges Auswahlverfahren mit Teilgebieten, in dem bergbauliche, geologische und sicherheitliche Kriterien geprueft werden.
| Schritt | Was passiert | Zeithorizont (circa) | Kostenschaetzung (circa) |
|---|---|---|---|
| Zwischenlagerung am Standort | Castor-Behaelter mit Brennelementen, Genehmigung befristet | bis ca. 2045 bis 2060 | 1 bis 2 Mrd. € insgesamt |
| Schacht Konrad (schwach/mittelradioaktiv) | Endlagerung von Betriebs- und Rueckbauabfaellen | Inbetriebnahme nach mehrfacher Verschiebung angestrebt | ca. 2 bis 3 Mrd. € |
| Standortauswahl hochradioaktiv | Teilgebiete, Erkundung, Standortentscheidung | Entscheidung im Verlauf der 2030er-Jahre | Verfahren dreistelliger Mio.-Betrag |
| Endlager hochradioaktiv | Bau, Einlagerung, Verschluss | Inbetriebnahme fruehestens ab ca. 2050 | 20 bis mehr als 100 Mrd. € |
| Zwischenlagerung bis dahin | Verlaengerung bestehender Genehmigungen noetig | mehrere Jahrzehnte | im laufenden Betrieb enthalten |
Was Rueckbau und Entsorgung kosten
Die Kosten teilen sich in zwei Toepfe: Der Rueckbau der Anlagen wird aus Rueckstellungen der Betreiber finanziert, die Entsorgung der radioaktiven Abfaelle aus einem oeffentlich-rechtlichen Fonds. Die vier grossen Betreiber haben 2017 einen einmaligen Betrag in den Fonds eingezahlt und damit alle weiteren Nachschusspflichten abgegolten.
| Kostenposition | Betrag (circa) | wer zahlt | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Rueckbau pro grossem Leistungsreaktor | 700 Mio. € bis 1,3 Mrd. € | Betreiber aus Rueckstellungen | je nach Anlagengroesse und Konzept |
| Rueckstellungsvolumen der Betreiber insgesamt | ca. 38 bis 40 Mrd. € | Betreiber | Rueckbau plus Entsorgung, Buchwerte |
| Einzahlung in den Entsorgungsfonds | ca. 24,1 Mrd. € | Betreiber, einmalig 2017 | inklusive Risikozuschlag |
| Zwischenlagerung und Konditionierung | 1 bis 2 Mrd. € | aus dem Fonds | je nach Laufzeit stark steigend |
| Schacht Konrad | ca. 2 bis 3 Mrd. € | aus dem Fonds | Bau bereits weitgehend abgeschlossen |
| Endlager hochradioaktiv | 20 bis mehr als 100 Mrd. € | aus dem Fonds, ggf. Steuerzuschuss | hohe Prognoseunsicherheit |
Der Fonds soll seine Ausgaben durch Anlage am Kapitalmarkt erwirtschaften. Reicht die Rendite nicht, um alle Kosten zu decken, muessen der Bund und damit die Steuerzahler einspringen - ein Risiko, das mit jeder Verschiebung des Endlagertermins waechst, weil die Zwischenlagerung weiterlaeuft.
Kernenergie im europaeischen Ausland und Stromimporte
Deutschland ist mit dem Ausstieg in Europa nicht allein, aber in der Minderheit. Frankreich setzt weiter auf einen hohen Kernenergieanteil und plant Neubauten, mehrere osteuropaeische Staaten bauen neu oder erweitern, und auch westeuropaeische Nachbarn haben ihre Ausstiegsplaene angepasst. Gleichzeitig sind Deutschland und seine Nachbarn ueber Kuppelstellen verbunden und tauschen stundenweise Strom aus.
| Land | Reaktoren in Betrieb (circa) | Anteil am Strommix (circa) | Kurs |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 56 | 65 bis 70 % | Neubau von EPR2-Anlagen geplant, Laufzeitverlaengerungen |
| Tschechien | 6 | 35 bis 45 % | Ausbau geplant, unter anderem in Dukovany |
| Schweiz | 4 | 25 bis 35 % | Neubauverbot, Weiterbetrieb ohne Befristung |
| Belgien | 5 | 35 bis 45 % | Ausstieg verschoben, Weiterbetrieb einzelner Bloecke |
| Niederlande | 1 | 3 bis 5 % | Neubau von zwei Anlagen geplant |
| Schweden | 6 | 28 bis 35 % | Weiterbetrieb und Ausbau |
| Polen | 0 | 0 % | erste Anlage im Bau, Inbetriebnahme in den 2030er-Jahren |
| Oesterreich | 0 | 0 % | keine Nutzung, Ausstieg historisch |
Deutschland importiert in Stunden mit hoher Nachfrage und niedriger Eigenproduktion Strom aus Nachbarlaendern - darunter auch Strom aus Kernkraftwerken. In Stunden mit viel Wind und Sonne exportiert Deutschland dagegen ueberwiegend. Der Saldo schwankt im Jahresverlauf, daher ist die pauschale Aussage, Deutschland importiere Atomstrom, nur in einzelnen Stunden korrekt.
Wiedereinstieg, SMR und neue Technologien
Die Debatte um einen Wiedereinstieg wird vor allem mit Blick auf Kosten und Zeit gefuehrt. Die bestehenden Anlagen wurden abgeschaltet, die Betriebsgenehmigungen erloschen und das Personal umgeschichtet; ein Wiederanfahren waere faktisch ein Neubauverfahren mit jahrelanger Pruefung. Neue Konzepte wie Small Modular Reactors (SMR) versprechen kleinere Einheiten, Serienfertigung und passive Sicherheit, sind in Europa aber bisher kaum zugelassen.
- Wiederanfahren alter Anlagen: technisch kaum darstellbar, da Sicherheitsnachweise, Personal und Genehmigungen fehlen.
- SMR: elektrische Leistung typischerweise 50 bis 300 MW, Ziel sind Serienfertigung und kuerzere Bauzeiten, Zulassung in Europa offen.
- Hochtemperaturreaktoren: zusaetzlich nutzbar fuer Prozesswaerme in der Industrie.
- Kernfusion: Forschung mit grossen Versuchsanlagen, ein Beitrag zur Stromversorgung gilt fruehestens in der zweiten Jahrhunderthaelfte als moeglich.
- Bauzeit und Kosten: Grossprojekte in Europa liegen regelmaessig bei mehr als zehn Jahren Bauzeit und mehreren Milliarden Euro pro Block.
CO2-Bilanz und Gestehungskosten im Vergleich
In der Klimabilanz liegt Kernenergie zusammen mit Windkraft am unteren Ende: Emissionen entstehen vor allem bei Bau, Uranbereitstellung und Rueckbau, nicht im Betrieb. Bei den Gestehungskosten (LCOE) ist das Bild anders, weil neue Kernkraftwerke hohe Kapitalkosten und lange Bauzeiten haben und Versicherungs- sowie Entsorgungsrisiken teilweise vom Staat getragen werden.
| Erzeugungsart | Gestehungskosten (circa) | g CO2 pro kWh (circa) | Verfuegbarkeit |
|---|---|---|---|
| Windkraft an Land | 5 bis 9 ct/kWh | 10 bis 20 | jahreszeitlich schwankend |
| Windkraft auf See | 7 bis 11 ct/kWh | 12 bis 25 | hohe Vollaststunden |
| Photovoltaik, Freiflaeche | 4 bis 8 ct/kWh | 35 bis 60 | tages- und jahreszeitlich schwankend |
| Photovoltaik, Dachanlage | 8 bis 13 ct/kWh | 40 bis 70 | dezentral |
| Erdgas, Gas-und-Dampf | 11 bis 18 ct/kWh | 380 bis 450 | regelbar |
| Braunkohle | 15 bis 25 ct/kWh | 1.000 bis 1.250 | grundlastfaehig |
| Kernenergie, Neubau in Europa | 12 bis 20 ct/kWh und mehr | 10 bis 30 | grundlastfaehig, lange Bauzeit |
| Kernenergie, Weiterbetrieb bestehender Anlagen | 3 bis 7 ct/kWh | 10 bis 30 | nur bei vorhandener Anlage |
Haeufige Fragen
Gibt es in Deutschland noch laufende Kernkraftwerke?
Nein. Die letzten drei Anlagen Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland wurden am 15. April 2023 abgeschaltet. Forschungsreaktoren und Anlagen zur Kernbrennstoffverarbeitung sind davon getrennt zu betrachten.
Wie lange dauert der Rueckbau eines Kernkraftwerks?
Etwa 15 bis 20 Jahre fuer den eigentlichen Rueckbau, zuzueglich 5 bis 10 Jahre Nachbetrieb. Bis zur vollstaendigen Freigabe des Gelaendes vergehen meist 20 bis 30 Jahre.
Wohin kommen die abgebrannten Brennelemente?
Zunaechst in Zwischenlager am Standort oder in zentralen Zwischenlagern. Ein Endlager fuer hochradioaktive Abfaelle wird derzeit im Rahmen eines Auswahlverfahrens gesucht, eine Inbetriebnahme ist fruehestens ab etwa 2050 realistisch.
Ist Atomstrom klimafreundlich?
In der CO2-Bilanz ja: Etwa 10 bis 30 g CO2 pro kWh, vergleichbar mit Windkraft. Dem gegenueber stehen hohe Kosten fuer Neubauten, sehr lange Planungs- und Bauzeiten sowie die ungeloeste Endlagerfrage.
