Start › Energie

Kernenergie in Deutschland: Status nach dem Atomausstieg

Aktualisiert: August 2026 • Lesezeit: ca. 8 Minuten
Kernkraftwerk Kuehlturm

Seit dem 15. April 2023 erzeugt in Deutschland kein Kernkraftwerk mehr Strom. Der Ausstieg ist damit vollzogen, die Arbeit aber nicht: Rueckbau, Zwischenlagerung und die Suche nach einem Endlager beschaeftigen das Land noch Jahrzehnte und kosten zweistellige Milliardenbetraege. Gleichzeitig wird in Europa weiter in Kernkraft investiert, und neue Reaktorkonzepte stehen zur Debatte. Wir fassen den Status 2026 zusammen und ordnen Kosten, Emissionen und die Wiedereinstiegsdebatte ein.

Das Ende der Stromerzeugung aus Kernkraft

Der deutsche Ausstieg war gesetzlich in mehreren Stufen geregelt: Nach dem Reaktorunglueck in Fukushima 2011 wurden die acht aeltesten Anlagen dauerhaft abgeschaltet, die uebrigen erhielten feste Reststrommengen, die sie bis zum Ende des Jahres 2022 erzeugen durften. Da eine Verlaengerung politisch umstritten blieb, gingen die letzten drei Meiler zum 15. April 2023 vom Netz.

Nach dem Ausstieg entfielen zuletzt rund 30 bis 40 TWh Stromerzeugung pro Jahr, die durch erneuerbare Energien, Importe und Gaskraftwerke ersetzt wurden. Der Ausstieg gilt damit als vollzogen; die stromwirtschaftliche Frage ist heute vor allem, wie die verbleibende Luecke im Winter geschlossen wird.

Die letzten deutschen Kraftwerke und ihre Abschaltdaten

KraftwerkBundeslandNettoleistung (circa)Abschaltung
BrokdorfSchleswig-Holstein1.410 MW31.12.2021
GrohndeNiedersachsen1.430 MW31.12.2021
Gundremmingen CBayern1.344 MW31.12.2021
Emsland (Lingen)Niedersachsen1.335 MW15.04.2023
Isar 2 (Niederaichbach)Bayern1.485 MW15.04.2023
Neckarwestheim 2Baden-Wuerttemberg1.400 MW15.04.2023

Zusammen standen diese sechs Anlagen fuer eine Nettoleistung von gut 8.300 MW. Ihr Beitrag zur Stromerzeugung lag im letzten vollen Betriebsjahr zusammen bei rund 33 TWh, was etwa sechs bis sieben Prozent des damaligen Strommix entsprach.

Rueckbau: Phasen und Laufzeiten

Nach der Abschaltung folgt der Nachbetrieb: Brennelemente werden aus dem Reaktor entfernt, das primaere Kuehlsystem entleert, Anlagen dekontaminiert. Erst danach beginnt der eigentliche Rueckbau, der bei einem grossen Leistungsreaktor in der Regel 15 bis 20 Jahre dauert. Einschliesslich Nachbetrieb rechnen Betreiber und Genehmigungsbehoerden mit 20 bis 30 Jahren bis zur Entlassung aus dem Atomrecht und zur sogenannten gruenen Wiese.

  1. Nachbetrieb: Brennelemente entladen, Reststoffe und Betriebsmittel entfernen, Dauer etwa 5 bis 10 Jahre.
  2. Vorbereitung: Dekontamination, Gebaeudefreigabe, Rueckbaugenehmigung in mehreren Teilschritten.
  3. Einschneiden von Komponenten: Reaktorbehaelter, Dampferzeuger und Rohrleitungen werden zerlegt, teils unter Fernbedienung.
  4. Gebaeudeabbruch: nach der Freimessung konventioneller Abbruch bis zur Kellerdecke oder vollstaendig.
  5. Freigabe: Messung auf Restaktivitaet, danach Entlassung aus der atomrechtlichen Ueberwachung.

Rund 97 Prozent der anfallenden Materialmenge ist nicht radioaktiv oder kann nach der Freimessung als konventioneller Bauschrott recycelt werden. Der kleine Rest muss konditioniert und als schwach- oder mittelradioaktiver Abfall zwischengelagert werden.

Der Rueckbau ist nicht mit der Entsorgung der Brennelemente identisch. Ein Standort kann vollstaendig zurueckgebaut sein und trotzdem noch ein Zwischenlager betreiben, weil das Endlager fehlt - genau diese Situation besteht an mehreren deutschen Standorten.

Zwischenlager, Castor und die Endlagersuche

Abgebrannte Brennelemente kommen zunaechst in ein Zwischenlager, meist in Castor-Behaeltern auf dem Kraftwerksgelaende. Die Genehmigungen laufen in der Regel bis in die 2040er- oder 2050er-Jahre. Fuer schwach- und mittelradioaktive Abfaelle ist das Endlager Schacht Konrad in Salzgitter vorgesehen; die Inbetriebnahme hat sich mehrfach verschoben. Fuer hochradioaktive Abfaelle laeuft ein standortunabhaengiges Auswahlverfahren mit Teilgebieten, in dem bergbauliche, geologische und sicherheitliche Kriterien geprueft werden.

SchrittWas passiertZeithorizont (circa)Kostenschaetzung (circa)
Zwischenlagerung am StandortCastor-Behaelter mit Brennelementen, Genehmigung befristetbis ca. 2045 bis 20601 bis 2 Mrd. € insgesamt
Schacht Konrad (schwach/mittelradioaktiv)Endlagerung von Betriebs- und RueckbauabfaellenInbetriebnahme nach mehrfacher Verschiebung angestrebtca. 2 bis 3 Mrd. €
Standortauswahl hochradioaktivTeilgebiete, Erkundung, StandortentscheidungEntscheidung im Verlauf der 2030er-JahreVerfahren dreistelliger Mio.-Betrag
Endlager hochradioaktivBau, Einlagerung, VerschlussInbetriebnahme fruehestens ab ca. 205020 bis mehr als 100 Mrd. €
Zwischenlagerung bis dahinVerlaengerung bestehender Genehmigungen noetigmehrere Jahrzehnteim laufenden Betrieb enthalten
Die Kostenschaetzung fuer ein Endlager hochradioaktiver Abfaelle ist extrem unsicher, weil Standort, Geologie und Anlagenkonzept noch nicht feststehen. Planen Sie bei Vergleichen deshalb immer mit einer Spanne und nicht mit einer Punktzahl.

Was Rueckbau und Entsorgung kosten

Die Kosten teilen sich in zwei Toepfe: Der Rueckbau der Anlagen wird aus Rueckstellungen der Betreiber finanziert, die Entsorgung der radioaktiven Abfaelle aus einem oeffentlich-rechtlichen Fonds. Die vier grossen Betreiber haben 2017 einen einmaligen Betrag in den Fonds eingezahlt und damit alle weiteren Nachschusspflichten abgegolten.

KostenpositionBetrag (circa)wer zahltAnmerkung
Rueckbau pro grossem Leistungsreaktor700 Mio. € bis 1,3 Mrd. €Betreiber aus Rueckstellungenje nach Anlagengroesse und Konzept
Rueckstellungsvolumen der Betreiber insgesamtca. 38 bis 40 Mrd. €BetreiberRueckbau plus Entsorgung, Buchwerte
Einzahlung in den Entsorgungsfondsca. 24,1 Mrd. €Betreiber, einmalig 2017inklusive Risikozuschlag
Zwischenlagerung und Konditionierung1 bis 2 Mrd. €aus dem Fondsje nach Laufzeit stark steigend
Schacht Konradca. 2 bis 3 Mrd. €aus dem FondsBau bereits weitgehend abgeschlossen
Endlager hochradioaktiv20 bis mehr als 100 Mrd. €aus dem Fonds, ggf. Steuerzuschusshohe Prognoseunsicherheit

Der Fonds soll seine Ausgaben durch Anlage am Kapitalmarkt erwirtschaften. Reicht die Rendite nicht, um alle Kosten zu decken, muessen der Bund und damit die Steuerzahler einspringen - ein Risiko, das mit jeder Verschiebung des Endlagertermins waechst, weil die Zwischenlagerung weiterlaeuft.

Kernenergie im europaeischen Ausland und Stromimporte

Deutschland ist mit dem Ausstieg in Europa nicht allein, aber in der Minderheit. Frankreich setzt weiter auf einen hohen Kernenergieanteil und plant Neubauten, mehrere osteuropaeische Staaten bauen neu oder erweitern, und auch westeuropaeische Nachbarn haben ihre Ausstiegsplaene angepasst. Gleichzeitig sind Deutschland und seine Nachbarn ueber Kuppelstellen verbunden und tauschen stundenweise Strom aus.

LandReaktoren in Betrieb (circa)Anteil am Strommix (circa)Kurs
Frankreich5665 bis 70 %Neubau von EPR2-Anlagen geplant, Laufzeitverlaengerungen
Tschechien635 bis 45 %Ausbau geplant, unter anderem in Dukovany
Schweiz425 bis 35 %Neubauverbot, Weiterbetrieb ohne Befristung
Belgien535 bis 45 %Ausstieg verschoben, Weiterbetrieb einzelner Bloecke
Niederlande13 bis 5 %Neubau von zwei Anlagen geplant
Schweden628 bis 35 %Weiterbetrieb und Ausbau
Polen00 %erste Anlage im Bau, Inbetriebnahme in den 2030er-Jahren
Oesterreich00 %keine Nutzung, Ausstieg historisch

Deutschland importiert in Stunden mit hoher Nachfrage und niedriger Eigenproduktion Strom aus Nachbarlaendern - darunter auch Strom aus Kernkraftwerken. In Stunden mit viel Wind und Sonne exportiert Deutschland dagegen ueberwiegend. Der Saldo schwankt im Jahresverlauf, daher ist die pauschale Aussage, Deutschland importiere Atomstrom, nur in einzelnen Stunden korrekt.

Wiedereinstieg, SMR und neue Technologien

Die Debatte um einen Wiedereinstieg wird vor allem mit Blick auf Kosten und Zeit gefuehrt. Die bestehenden Anlagen wurden abgeschaltet, die Betriebsgenehmigungen erloschen und das Personal umgeschichtet; ein Wiederanfahren waere faktisch ein Neubauverfahren mit jahrelanger Pruefung. Neue Konzepte wie Small Modular Reactors (SMR) versprechen kleinere Einheiten, Serienfertigung und passive Sicherheit, sind in Europa aber bisher kaum zugelassen.

CO2-Bilanz und Gestehungskosten im Vergleich

In der Klimabilanz liegt Kernenergie zusammen mit Windkraft am unteren Ende: Emissionen entstehen vor allem bei Bau, Uranbereitstellung und Rueckbau, nicht im Betrieb. Bei den Gestehungskosten (LCOE) ist das Bild anders, weil neue Kernkraftwerke hohe Kapitalkosten und lange Bauzeiten haben und Versicherungs- sowie Entsorgungsrisiken teilweise vom Staat getragen werden.

ErzeugungsartGestehungskosten (circa)g CO2 pro kWh (circa)Verfuegbarkeit
Windkraft an Land5 bis 9 ct/kWh10 bis 20jahreszeitlich schwankend
Windkraft auf See7 bis 11 ct/kWh12 bis 25hohe Vollaststunden
Photovoltaik, Freiflaeche4 bis 8 ct/kWh35 bis 60tages- und jahreszeitlich schwankend
Photovoltaik, Dachanlage8 bis 13 ct/kWh40 bis 70dezentral
Erdgas, Gas-und-Dampf11 bis 18 ct/kWh380 bis 450regelbar
Braunkohle15 bis 25 ct/kWh1.000 bis 1.250grundlastfaehig
Kernenergie, Neubau in Europa12 bis 20 ct/kWh und mehr10 bis 30grundlastfaehig, lange Bauzeit
Kernenergie, Weiterbetrieb bestehender Anlagen3 bis 7 ct/kWh10 bis 30nur bei vorhandener Anlage
Gestehungskosten sind ein Vergleichswert, kein Strompreis. Der Boersenpreis wird in der Regel vom teuersten noch nachgefragten Kraftwerk bestimmt; guenstige Erzeuger wie Wind und Solar senken ihn in vielen Stunden deutlich.

Haeufige Fragen

Gibt es in Deutschland noch laufende Kernkraftwerke?

Nein. Die letzten drei Anlagen Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland wurden am 15. April 2023 abgeschaltet. Forschungsreaktoren und Anlagen zur Kernbrennstoffverarbeitung sind davon getrennt zu betrachten.

Wie lange dauert der Rueckbau eines Kernkraftwerks?

Etwa 15 bis 20 Jahre fuer den eigentlichen Rueckbau, zuzueglich 5 bis 10 Jahre Nachbetrieb. Bis zur vollstaendigen Freigabe des Gelaendes vergehen meist 20 bis 30 Jahre.

Wohin kommen die abgebrannten Brennelemente?

Zunaechst in Zwischenlager am Standort oder in zentralen Zwischenlagern. Ein Endlager fuer hochradioaktive Abfaelle wird derzeit im Rahmen eines Auswahlverfahrens gesucht, eine Inbetriebnahme ist fruehestens ab etwa 2050 realistisch.

Ist Atomstrom klimafreundlich?

In der CO2-Bilanz ja: Etwa 10 bis 30 g CO2 pro kWh, vergleichbar mit Windkraft. Dem gegenueber stehen hohe Kosten fuer Neubauten, sehr lange Planungs- und Bauzeiten sowie die ungeloeste Endlagerfrage.

← Zurueck zur Uebersicht