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Kohleausstieg: Braunkohle und Steinkohle in Deutschland 2026

Aktualisiert: September 2024 • Lesezeit: ca. 8 Minuten
Braunkohlekraftwerk und Tagebau

Deutschland erzeugt 2026 nur noch einen kleinen Teil seines Stroms aus Kohle - aber dieser Rest ist klimapolitisch der teuerste. Braunkohle stoesst pro Kilowattstunde mehr als doppelt so viel CO2 aus wie Erdgas und fast hundertmal so viel wie Windkraft. Gleichzeitig gilt Kohle als Reserve fuer windstille Winterwochen. Wir ordnen Zahlen, Fahrplaene und den Umbau in den Revieren ein und erklaeren, was der Ausstieg fuer Strompreis und Versorgungssicherheit bedeutet.

Braunkohle und Steinkohle: die Unterschiede

Beide Energietraeger sind chemisch verwandt, aber geologisch und wirtschaftlich verschieden. Braunkohle ist geologisch jung, hat einen hohen Wassergehalt und einen niedrigen Heizwert. Sie wird im Tagebau gewonnen und praktisch ausschliesslich direkt neben dem Kraftwerk verstromt, weil sich der Transport nicht lohnt. Steinkohle ist aelter, kohlenstoffreicher und wurde bis zur Einstellung des Bergbaus Ende 2018 in Deutschland unter Tage abgebaut; danach kam sie vollstaendig aus dem Ausland.

MerkmalBraunkohleSteinkohle
Heizwert8 bis 11 MJ/kg (ca. 2,3 bis 3,1 kWh/kg)25 bis 30 MJ/kg (ca. 7 bis 8,3 kWh/kg)
Wassergehalt45 bis 60 %unter 10 %
CO2 pro kWh Strom (circa)1.000 bis 1.250 g850 bis 950 g
Gewinnung in DeutschlandTagebau, drei Revierekein aktiver Bergbau mehr seit 2018
TransportBandanlage zum Kraftwerk, kein FerntransportImport per Schiff und Bahn
Typische Blockgroesse300 bis 1.100 MW300 bis 800 MW

Stilllegungsfahrplan und das Ausstiegsjahr

Der gesetzliche Rahmen sieht vor, die Kohleverstromung schrittweise zu beenden. Der Fahrplan sieht Stilllegungen in mehreren Tranchen vor; einzelne Braunkohlebloecke gingen bereits vom Netz, weitere folgen in festen Abstaenden. Fuer den westdeutschen Braunkohlebergbau wurde das Enddatum im Rahmen einer Einigung vorgezogen, die ostdeutschen Reviere steigen spaeter aus. Rechtlich ist der Ausstieg so konstruiert, dass die Stilllegung in der Regel entschaedigt wird und nicht entschaedigungsfrei per Gesetz erfolgt.

  1. Erste Tranche: Stilllegung kleinerer Steinkohle- und Braunkohlebloecke, teils ueber Ausschreibungen.
  2. Zwischenschritte: weitere Stilllegungen nach einem festen Pfad bis zum Ende der 2020er-Jahre.
  3. Zieldatum: Vollstaendiger Ausstieg bis spaetestens 2038, mit der Moeglichkeit eines frueheren Endes.
  4. Begleitgesetz: Strukturhilfen von rund 40 Milliarden Euro fuer die betroffenen Regionen bis 2038.
Achten Sie auf zwei unterschiedliche Daten: das Ende der Verstromung und das Ende der Tagebaue. Tagebaue schliessen in der Regel wenige Jahre vor dem letzten Kraftwerksblock, weil sie ihn beliefern - danach folgt die Rekultivierung, die Jahrzehnte dauert.

Verbleibende Kraftwerksleistung und Anteil am Strommix

Die installierte Kohleleistung ist in den vergangenen zehn Jahren von knapp 50 GW auf gut 20 GW gefallen. Der Anteil am Strommix sank im gleichen Zeitraum von mehr als 40 Prozent auf einen mittleren einstelligen bis unteren zweistelligen Prozentbereich. Gleichzeitig wuchs die Erzeugung aus Wind und Photovoltaik deutlich, sodass die Kohle heute vor allem in den Abendstunden und im Winter einspringt.

Jahrinstallierte KohleleistungStromerzeugung aus KohleAnteil am Strommix (circa)
2015ca. 48,5 GWca. 266 TWh42 %
2020ca. 43 GWca. 133 TWh24 %
2023ca. 32 GWca. 123 TWh26 %
2025ca. 26 GWca. 95 TWh19 %
2026 (Schaetzung)ca. 22 GWca. 78 TWh15 %
2030 (Zielpfad)ca. 15 GWca. 45 TWh8 %
2038 (Ziel)0 GW0 TWh0 %

Zur Einordnung: 78 TWh entsprechen etwa dem Jahresstromverbrauch von rund 22 Millionen Zwei-Personen-Haushalten. Diese Menge muss bis zum Ausstieg durch Erneuerbare, Speicher, flexible Verbraucher und neue Gaskraftwerke ersetzt werden.

CO2-Emissionen im Vergleich der Energietraeger

Kohle ist der emissionsstaerkste Weg, Strom zu erzeugen. Alle Angaben beziehen sich auf den gesamten Lebenszyklus inklusive Vorkette, Bau und - bei Biomasse - Anbau; bei erneuerbaren Energien steckt der Grossteil der Emissionen in der Herstellung der Anlagen, nicht im Betrieb.

Energietraegerg CO2-aequivalent pro kWh Strom (circa)Verhaeltnis zu Braunkohle
Braunkohle1.000 bis 1.250100 %
Steinkohle850 bis 950ca. 80 %
Erdgas (Gas-und-Dampf-Kraftwerk)380 bis 450ca. 35 %
Biomasse/Biogas150 bis 250ca. 18 %
Photovoltaik (Freiflaeche)35 bis 60ca. 4 %
Windkraft an Land10 bis 20ca. 1,5 %
Windkraft auf See12 bis 25ca. 2 %
Wasserkraft15 bis 30ca. 2 %
Kernenergie10 bis 30ca. 2 %
Fuer die persoenliche Bilanz: Ein Vier-Personen-Haushalt mit 4.000 kWh Jahresverbrauch verursacht mit Kohlestrom rund 4,4 Tonnen CO2 pro Jahr, mit Oekostrom aus Windkraft nur etwa 60 Kilogramm. Ein Anbieterwechsel ist damit eine der wirksamsten Einzelmassnahmen im Alltag.

Tagebaue und Rekultivierung

Braunkohle wird im Tagebau gewonnen: Bagger foerdern taeglich grosse Mengen Abraum und Kohle, das Grundwasser muss weitraeumig abgesenkt werden. Nach dem Ende der Foerderung folgt die Rekultivierung - eine Aufgabe, die Jahrzehnte dauert und in den Revieren bereits heute sichtbar ist.

Strukturwandel in den Revieren

Der Kohleausstieg ist vor allem ein wirtschaftspolitischer Umbau. Betroffen sind das Rheinische Revier in Nordrhein-Westfalen, das Lausitzer Revier in Brandenburg und Sachsen, das Mitteldeutsche Revier in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thueringen sowie das fruehere Helmstedter Revier. Der Bund stellt bis 2038 rund 40 Milliarden Euro fuer Infrastruktur, Ansiedlungen und Qualifizierung bereit; hinzu kommen Landesmittel und Programme der EU.

RevierBundeslaenderAusstiegsdatum (Ziel)direkt Beschaeftigte (circa)Strukturmittel Bund (circa)
Rheinisches RevierNRW2030 (vorgezogen)ca. 9.00014,8 Mrd. €
Lausitzer RevierBrandenburg, Sachsen2038ca. 7.50017,2 Mrd. €
Mitteldeutsches RevierSachsen, Sachsen-Anhalt, Thueringen2038ca. 2.5006,1 Mrd. €
Helmstedter RevierNiedersachsenFoerderung bereits beendetwenige hundert1,0 Mrd. €

Die Mittel fliessen in Schienen- und Strasseninfrastruktur, Hochschul- und Forschungsstandorte, Gewerbeflaechen, Wasserstoffprojekte und die Umqualifizierung von Beschaeftigten. Erfahrungsgemaess entstehen neue Arbeitsplaetze nicht am alten Standort, sondern in den umliegenden Staedten - deshalb ist die Verkehrsanbindung das wichtigste Instrument.

Fuer Beschaeftigte in der Kohlewirtschaft gibt es Anpassungsgeld und Vorruhestandsregelungen. Wer in einem Revier lebt, sollte bei der regionalen Strukturwandelbehoerde oder der Agentur fuer Arbeit nach laufenden Qualifizierungsprogrammen fragen.

Versorgungssicherheit und die Dunkelflaute

Das hauefigste Argument gegen ein schnelles Abschalten ist die Versorgungssicherheit: Im Winter kann es in Deutschland fuer mehrere Tage wenig Wind und wenig Sonne geben - eine sogenannte Dunkelflaute. Kohlekraftwerke liefern in solchen Phasen grundlastfaehige, speicherbare Leistung. Deshalb bleiben mehrere Bloecke zusaetzlich als Reserve am Netz, bevor sie endgueltig stillgelegt werden.

Fuer Verbraucher heisst das: Der Ausstieg senkt kurzfristig nicht automatisch den Strompreis, weil der CO2-Preis den Einsatz von Kohle und Gas verteuert und Netzengpaesse sowie Redispatch-Kosten weitergeben werden. Langfristig entscheidet der Ausbau von Wind, Solar, Speichern und Netzen darueber, ob der Strompreis sinkt.

Pruefen Sie unabhaengig vom Ausstieg Ihren Stromtarif: Anbieterwechsel, ein Oekostromtarif mit Herkunftsnachweis und ein niedrigerer Grundpreis sparen im Einfamilienhaus regelmaessig 200 bis 500 Euro pro Jahr - bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 3.500 bis 4.500 kWh.

Haeufige Fragen

Wann steigt Deutschland endgueltig aus der Kohle aus?

Der gesetzliche Zielpfad sieht das Ende der Kohleverstromung bis spaetestens 2038 vor, mit der Moeglichkeit eines frueheren Ausstiegs. Fuer das Rheinische Revier wurde ein vorgezogenes Datum vereinbart; der Fahrplan wird regelmaessig ueberprueft.

Wie viel Strom kommt 2026 noch aus Kohle?

Nach Schaetzung etwa 78 TWh, das entspricht rund 15 Prozent des Strommix. Die installierte Leistung liegt bei etwa 22 GW, der Trend ist weiter fallend.

Warum ist Braunkohle klimaschaedlicher als Steinkohle?

Wegen des hohen Wassergehalts und des niedrigen Heizwerts: Pro erzeugter Kilowattstunde muss mehr Masse verfeuert werden. Braunkohle liegt bei etwa 1.000 bis 1.250 g CO2 pro kWh, Steinkohle bei etwa 850 bis 950 g.

Was passiert mit den Tagebauen nach dem Ausstieg?

Sie werden rekultiviert: Restlocher werden verfuellt oder geflutet, Boeden aufgetragen, Waelder und Ackerflaechen angelegt. Der Grundwasserwiederanstieg dauert laenger als die Foerderung selbst und reicht teils weit nach 2050.

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