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Wasserstoff: Rolle in der Energiewende und beim Heizen

Aktualisiert: Juni 2025 • Lesezeit: ca. 9 Minuten
Wasserstoff Elektrolyse Anlage

Wasserstoff gilt als Baustein der Energiewende, weil er Strom speicherbar macht und in Industrieprozessen Kohle und Erdgas ersetzen kann. Beim Heizen ist er dagegen umstritten: Der Weg von Windstrom zur Heizungswaerme ueber die Elektrolyse verliert mehr als die Haelfte der eingesetzten Energie. Wir erklaeren, wie Wasserstoff entsteht, was er kostet, wie das geplante Kernnetz aussieht und fuer welche Anwendungen er sich eignet - und fuer welche nicht.

Was Wasserstoff ist und warum er als Energietraeger gilt

Wasserstoff (H2) ist das haeufigste Element im Universum, kommt auf der Erde aber fast nur gebunden vor - in Wasser und in Kohlenwasserstoffen. Er muss also erst erzeugt werden und ist damit kein Primaerenergietraeger wie Kohle oder Wind, sondern ein Sekundaerenergietraeger, aehnlich wie Strom. Beim Verbrennen entsteht lediglich Wasserdampf, kein CO2.

Seine Staerken: Wasserstoff hat mit rund 33,3 kWh pro Kilogramm die hoechste gravimetrische Energiedichte aller Brennstoffe - ein Kilogramm entspricht energetisch etwa drei Litern Diesel. Er laesst sich in Salzkavernen, Tanks und theoretisch im Gasnetz speichern und damit ueber Monate vorhalten. Seine Schwaechen: Er ist bei Normalbedingungen extrem leicht und voluminoes, muss fuer Transport und Speicherung entweder auf 350 bis 700 bar verdichtet oder auf minus 253 Grad verfluessigt werden, und er diffundiert durch manche Werkstoffe.

Grau, blau, tuerkis, gruen: die Farben des Wasserstoffs

Die Farbbezeichnungen sind kein chemischer, sondern ein klimapolitischer Begriff: Sie sagen, wie viel CO2 bei der Herstellung anfaellt. Rund 95 Prozent des heute weltweit eingesetzten Wasserstoffs stammen aus Erdgas oder Kohle, nur ein kleiner Teil ist gruen.

FarbeHerstellungsverfahrenCO2 pro kg H2 (circa)Preis pro kg (circa)Verfuegbarkeit 2026
GrauDampfreformierung aus Erdgas9 bis 11 kg1,50 € bis 2,50 €Marktstandard, dominant
Braun/SchwarzKohlevergasung18 bis 22 kg1,20 € bis 2,00 €vor allem in Asien
BlauDampfreformierung mit CCS2 bis 4 kg2,50 € bis 4,00 €wenige Grossprojekte
TuerkisMethanpyrolyse, fester Kohlenstoff0,5 bis 2 kg3,00 € bis 5,00 €Pilotanlagen
GruenElektrolyse mit Oekostrom0 kg im Betrieb4,50 € bis 8,00 €im Aufbau
Orange/GelbElektrolyse mit Netzstrommix3 bis 8 kg3,50 € bis 6,00 €Randsegment
Die Farbe sagt nichts ueber die Qualitaet des Gases - chemisch ist H2 immer H2. Sie beschreibt ausschliesslich die Klimabilanz und damit, ob ein Einsatz aus Sicht der Treibhausgasbilanz sinnvoll ist.

Elektrolyse und Wirkungsgrad: wo die Energie bleibt

Bei der Elektrolyse spaltet elektrischer Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Moderne alkalische Elektrolyseure (AEL) und PEM-Elektrolyseure erreichen einen Systemwirkungsgrad von etwa 60 bis 70 Prozent, bezogen auf den Heizwert des erzeugten Wasserstoffs. Praktisch heisst das: Aus 100 kWh Oekostrom werden rund 55 bis 65 kWh Wasserstoff - der Rest geht als Abwaerme verloren, die allerdings im besten Fall in ein Nahwaermenetz eingespeist wird.

  1. Erzeugung: 100 kWh Oekostrom werden in den Elektrolyseur geleitet.
  2. Elektrolyse: bei etwa 65 Prozent Wirkungsgrad entstehen rund 65 kWh Wasserstoff (ca. 2 kg).
  3. Verdichtung und Transport: Verdichtung auf 700 bar kostet rund 10 bis 15 Prozent, der Transport weitere 2 bis 5 Prozent der Energie.
  4. Rueckverstromung oder Verbrennung: Ein Gas- beziehungsweise H2-Kraftwerk kommt auf 45 bis 60 Prozent, ein Brennstoffzellen-Heizgeraet auf 80 bis 95 Prozent Waerme, ein H2-Kessel auf 90 bis 98 Prozent.

In der Kette Strom zu Wasserstoff zu Strom bleiben also nur rund 30 bis 40 Prozent der urspruenglichen Energie uebrig. Genau deshalb wird Wasserstoff vor allem dort eingesetzt, wo es keine direkte Elektrifizierung gibt. Beim Heizen gibt es sie aber: Die Waermepumpe nutzt denselben Windstrom mit einem Faktor von drei bis fuenf - sie ist damit energetisch nicht zu schlagen.

Faustregel zur Effizienz: Eine Kilowattstunde Oekostrom liefert direkt in der Waermepumpe drei bis fuenf Kilowattstunden Waerme - ueber den Umweg Elektrolyse und H2-Kessel nur etwa 0,6 Kilowattstunden.

Wasserstoff im Heizungskeller: H2-ready und Beimischung

H2-ready bedeutet, dass ein Gas-Brennwertgeraet so ausgelegt ist, dass es spaeter auf 100 Prozent Wasserstoff umgestellt werden kann - meist durch einen Brennertausch und eine Anpassung von Regelung und Gasarmatur. Eine Umruestung kostet nach Herstellerangaben im mittleren dreistelligen bis niedrigen vierstelligen Euro-Bereich pro Geraet. Wichtig: H2-ready heisst nicht, dass die Heizung heute gruen heizt, und auch nicht, dass zum Stichtag tatsaechlich Wasserstoff im Netz ist.

Beimischung ins Gasnetz ist technisch bis etwa 10 bis 20 Volumenprozent in vielen Netzen ohne Eingriffe moeglich, hoehere Anteile erfordern Anpassungen an Verdichtern, Messgeraeten und Endgeraeten. Die praktische Klimawirkung bleibt gering: Bei 20 Prozent Beimischung sinkt der CO2-Ausstoss einer Gasheizung hoechstens um rund 7 Prozent, weil Wasserstoff zwar kein CO2, aber deutlich weniger Energie pro Volumen enthaelt als Methan.

Variante im GebaeudeWirkungsgradVoraussetzungBewertung
H2-ready-Gas-Brennwertgeraet90 bis 98 %Umruestung bei Verfuegbarkeit von H2derzeit keine CO2-Einsparung
Beimischung 10 bis 20 % H2 ins GasnetzunveraendertNetzfreigabe durch Netzbetreibergeringe, nicht garantierte Einsparung
Brennstoffzellen-Heizgeraet mit H2-Betrieb80 bis 95 % (Waerme plus Strom)Reformierung oder direkter H2-Betriebtechnisch machbar, teuer
Waermepumpe mit Oekostrom300 bis 500 %niedrige Vorlauftemperaturheute am effizientesten

Das Wasserstoff-Kernnetz in Deutschland

Damit Wasserstoff dort ankommt, wo er gebraucht wird, entsteht ein deutschlandweites Kernnetz. Die Fernleitungsnetzbetreiber haben dafuer rund 9.700 Kilometer Leitung angemeldet; ein groesserer Teil davon soll aus umgestellten Erdgasleitungen bestehen, nur ein kleinerer Teil wird neu gebaut. Der Aufbau erfolgt stufenweise, erste Abschnitte sollen bereits in Betrieb sein, das Gesamtnetz soll bis 2032 stehen. Die Investitionssumme wird auf rund 19 bis 20 Milliarden Euro geschaetzt und ueber eine Umlage auf alle Gaskunden finanziert.

Jahr (Zielkorridor)kumulierte Leitungskilometerkumulierte InvestitionMeilenstein
2025ca. 400 kmca. 1 Mrd. €erste Umstellungsabschnitte
2027ca. 1.800 kmca. 4 Mrd. €Anschluss erster Gross-Elektrolyseure
2029ca. 4.000 kmca. 9 Mrd. €Anbindung der Importterminals an Nord- und Ostsee
2032ca. 9.700 kmca. 19 Mrd. €Kernnetz vollstaendig, Anschluss von Industrie und Kraftwerken
2030 (Elektrolyse-Kapazitaet)nicht Leitungs-bezogenzusaetzlicher AusbaubedarfZiel: ca. 10 GW Elektrolyseleistung in Deutschland
Der Netzanschluss ist fuer private Haushalte kein Automatismus. Ob und ab wann ein Wohngebiet tatsaechlich mit Wasserstoff versorgt wird, entscheidet der oertliche Netzbetreiber - und vielerorts zeichnet sich ab, dass Gasnetze in kleinen Ortschaften eher stillgelegt als umgestellt werden.

Kosten: Wasserstoff gegen Erdgas und Strom

Ob Wasserstoff wirtschaftlich ist, entscheidet der Preis pro Kilogramm. Bei 33,3 kWh pro kg entspricht ein Preis von 6 Euro pro kg einem Energiepreis von 18 ct/kWh. Weil ein Wasserstoff-Kessel praktisch den gleichen Wirkungsgrad hat wie ein Gas-Brennwertkessel, bestimmt dieser Preis direkt die Heizkosten.

EnergietraegerPreis pro Einheitct/kWh EndenergieWirkungsgradct/kWh NutzwaermeCO2 pro kWh (circa)
Erdgas11 ct/kWh11,095 %11,6ca. 250 g
Heizoel10,5 ct/kWh10,590 %11,7ca. 320 g
Holzpellets7,5 ct/kWh7,590 %8,3ca. 40 g
Wasserstoff blau, 3 €/kg3,00 €/kg9,095 %9,5ca. 60 g
Wasserstoff gruen, 6 €/kg6,00 €/kg18,095 %19,00 g im Betrieb
Wasserstoff gruen, 4 €/kg (Ziel 2030)4,00 €/kg12,095 %12,60 g im Betrieb
Strom, Waermepumpe JAZ 4,026 ct/kWh26,0400 %6,5ca. 90 g

Bei einem Waermebedarf von 16.000 kWh bedeutet das: Heizen mit gruenem Wasserstoff zum Preis von 6 Euro pro kg kostet rund 3.040 Euro pro Jahr, mit Erdgas rund 1.850 Euro, mit einer Waermepumpe bei JAZ 4,0 rund 1.040 Euro. Selbst wenn der Wasserstoffpreis auf 4 Euro pro kg faellt, bleibt das Heizen mit Wasserstoff mehr als doppelt so teuer wie mit der Waermepumpe und teurer als mit Gas.

Wasserstoff konkurriert kuenftig mit wenigen Kilowattstunden Oekostrom, die weltweit knapp sind. Industrieanwendungen mit hohen Vermeidungskosten duerften den Preis eher nach oben ziehen als nach unten - ein Risiko, das private Haushalte im Heizungskeller allein tragen wuerden.

Industrie und Verkehr zuerst, Gebaeudewaerme zuletzt

Bei jeder oekonomischen Betrachtung steht die Gebaeudewaerme am Ende der Warteschlange. In Stahlwerken, Raffinerien und der Grundstoffchemie gibt es kaum Alternativen zu molekularen Energietraegern; die Vermeidungskosten sind dort hoch, und die Mengen sind konzentriert an wenigen Standorten zu handhaben. Im Schwerlastverkehr punktet Wasserstoff gegenueber Batterien durch kurze Tankzeiten und hohe Reichweite.

Fuer Hausbesitzer folgt daraus eine klare Orientierung: Wer heute eine neue Heizung plant, sollte auf Effizienz und niedrige Vorlauftemperatur setzen und nicht auf eine moegliche Wasserstoffzukunft spekulieren. Eine H2-ready-Heizung kann sinnvoll sein, wenn ohnehin ein Gasgeraet notwendig ist und das lokale Netz eine Umstellungsperspektive hat - als Plan A taugt sie nicht.

Haeufige Fragen

Kann ich meine Gasheizung mit Wasserstoff betreiben?

Nur wenn sie dafuer freigegeben ist und tatsaechlich Wasserstoff im Netz ankommt. H2-ready-Geraete koennen umgeruestet werden; bis zur Umstellung heizen sie mit Erdgas und stossen weiter CO2 aus.

Warum gilt Wasserstoff zum Heizen als ineffizient?

Weil die Kette Strom zu Wasserstoff zu Waerme rund 60 bis 70 Prozent der Energie verliert. Dieselbe Kilowattstunde Strom erzeugt in der Waermepumpe drei bis fuenf Kilowattstunden Waerme, im H2-Kessel nur etwa 0,6.

Was kostet gruener Wasserstoff 2026 pro Kilogramm?

Je nach Strompreis, Auslastung und Anlagengroesse etwa 4,50 bis 8,00 Euro pro kg. Das entspricht 13,5 bis 24 ct/kWh. Bis 2030 werden Preise von 3 bis 5 Euro pro kg angestrebt.

Wann ist das Wasserstoff-Kernnetz fertig?

Der Ausbau erfolgt stufenweise und soll bis etwa 2032 mit rund 9.700 Kilometern abgeschlossen sein. Erste Abschnitte sind bereits in Betrieb, viele Regionen werden aber deutlich spaeter oder gar nicht angeschlossen.

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